Jetzt mal Ernst:

 

Weshalb beschäftigen wir uns mit Jammern?

© Franz Stowasser 11.Sept. 1999

Bislang wurde auf Jammern meist mit erhobenem Zeigefinger reagiert. Von Politikern, Psychologen, Managern, Lehrern, Ehepartnern wird Jammern oder jämmerliches Verhalten konsequent kritisiert. Das geht nun schon seit über 2000 Jahren so und an unserer Jammerbereitschaft hat sich nichts geändert, im Gegenteil, je besser es uns geht, desto "jammerbereiter" scheinen wir zu werden.

Kaum ein Verhalten hat sich in der Menschheitsgeschichte so gut erhalten und so gut reproduziert, wie das Jammern. Deshalb frage ich mich als Soziologe, welche Grundstruktur sich hinter dem Phänomen Jammern verbirgt.

Die erste Antwort lautet:

 

Jammern beruht auf Paradoxien!

Paradoxien sind logisch denkenden Menschen seit Aristoteles ein Graus. Beispiel klassischen Paradoxien sind Sätze wie: "Alle Kreter lügen, sagt ein Kreter", "Der Barbier des Dorfes rasiert alle Männer, die sich nicht selbst rasieren" usw.. Paradoxer Weise scheinen sich Paradoxien zu vermehren, je mehr man sich mit ihnen beschäftigt.

Es kann also sein, daß Sie beim Frühstück über ein zu hart gekochtes Ei zu Jammern beginnen. Sobald Sie dann bemerken, wie unsinnig es ist, über ein zu hart gekochtes Ei zu jammern, machen Sie sich vielleicht selbst Vorwürfe, oder Sie kritisieren sich. Und – Sie kritisieren sich, indem Sie über Ihr Verhalten jammern. Jetzt jammern Sie nicht mehr nur über das zu hart gekochte Frühstücksei, sondern auch noch darüber, daß Sie gejammert haben.

Die zweite Anwort lautet also:

 

Jammern erzeugt Paradoxien und vermehrt sich dadurch selbst!

Im Jammern entsteht eine "schlechte Unendlichkeit" um einen Begriff Hegels zu gebrauchen (zitiert nach Kurt Klagenfurt "Technologische Zivilisation und transklassische Logik" suhrkamp 1995 ISBN 3-518-28766-4 S. 54). Der Ausweg aus einer schlechten Unendlichkeit wird allerdings nicht mit dem erhobenen Zeigefinger gefunden. Aufforderungen wie: "weniger Jammern, mehr konstruktiv denken" oder "tun, statt Jammern" sind vielleicht gut gemeint, aber völlig sinnlos und sogar kontraproduktiv. Je mehr zum Beispiel Politiker auf diese Art das Jammern bekämpfen wollen, desto mehr sind sie selbst an der Entstehung der Paradoxie beteiligt, da sie ja eigentlich selbst über das Jammern jammern.

Der Mensch, der sich selbst dabei ertappt, wie er über sein zu hart gekochtes Frühstücksei, dann darüber jammert, daß er schon wieder jammert und sich in der dritten Stufe selbst bedauert, dieses paradoxe Verhalten noch immer nicht im Griff zu haben fällt immer mehr ins Dunkel des Unbewußten. Was er nicht lösen kann, wird er vor sich selbst als nicht existent erklären und damit verleugnen.

Unsere Beobachtungen zeigen, daß dieses verleugnende Verhalten sehr häufig ist. Jeder kennt mindestens 5 Personen, für die unser Buch "Jammern – aber richtig" genau die richtige Lektüre wäre, behauptet aber von sich selbst, keinen Bedarf zu haben. Ein Paradox, das Paradoxe produziert.

 

Der Ausweg:

Nachdem der Mechanismus der Jammerproduktion begriffen ist, wird häufig die bange Frage nach einem Ausweg gestellt. Gibt es überhaupt einen Ausweg? Unserer Meinung nach ja. Allerdings, der Zeigefinger hilft überhaupt nichts, im Gegenteil. Wir machen die Erfahrung, daß eine konsequente und bewußt eingesetzte Jammerpraxis einen guten Ausweg darstellt. Wenn Sie sich mit den im Buch "Jammern – aber richtig" dargestellten Jammerübungen beschäftigen, werden Sie merken, daß Sie viele Jammerarten schon kennen und ergänzen können. Auf diese Weise wird Ihnen Ihr individuelles Jammerverhalten bewußt und Sie können daran ändern, was Sie wollen, Sie können auch mit einem Augenzwinkern weiterjammern oder ein bißchen darüber lachen. Lachen befreit und lachen löst Paradoxien statt wie Jammern neue Paradoxien zu schaffen.