Bejammernswert, was Psychoanlaytiker verdrängen:

 

 

Heute:

W.P. Mischnik- Kosmopolit ganzheitlicher Prägung, hier: Sein Einfluß auf die Entwicklung der Psycoanalyse C.G. Jungs

Zusammenfassung

Wie neueren Publikationen zu entnehmen ist (vgl. Ervings "Der traurige Eros"(1)) wird die Entstehungsgeschichte der Psychoanalyse immer mehr nach Russland verortet. Der Wolfsmann, Freuds berühmter Patient war Russe und Freud sagte sinngemäß, daß die russische Seele Ambivalenzen deutlicher zeigt und sich deshalb zum analytischen Studium besonders eignet.

Der Leser soll nun darauf hingewiesen sein, daß der deutsche Arzt W.P. Mischnik, als er 1882 über Berlin, Petersburg, Moskau nach China fuhr, wo er nach einer entbehrungsreichen Reise im Frühsommer 1883 ankam, wahrscheinlich einen größeren Einfluß auf die Entwicklung der Psychoanalyse hatte als bislang allgemein angenommen (näheres über Einzelheiten dieser Reise an anderer Stelle).

Im folgenden Text wird vor allem Mischniks Treffen mit Richard Wilhelm, dem Übersetzer des I-Ging (2) in China und die Wirkung auf C.G. Jung behandelt. Wenn Freud nun die russische Seele als das geeignete Studienobjekt für die Psychoanalyse nannte, so konterte C.G. Jung seinerseits mit China, vgl. seine Schrift, zusammen mit Richard Wilhelm verfaßt: "Geheimnis der Goldenen Blüte" (3). In W.P. Mischnik sehen wir heute eine einzigartige Integrationsfigur zwischen beiden Anschauungen. Es ist von daher unsere Meinung, daß durch das, wenn auch zögerliche, Erhellen der vielfältigen Wirkungen der Person W.P. Mischniks, der Psychoanalyse ein Versöhnungsmodell geboten wird, das über den Ansatz S. Freuds und C.G. Jungs hinauszuweisen vermag.

 

 

Die Wirkung

Peking, Sommer 1923, Richard Wilhelm schreibt ca 4 Jahre nach dem Tode W.P. Mischniks die Vorrede zur ersten Ausgabe des I-Ging. "Die Übersetzung der Wandlungen geht nunmehr schon ins zehnte Jahr. Als nach der chinesischen Revolution Tsingtau der Aufenthaltsort einer Reihe der bedeutendsten chinesischen Gelehrten (und nicht nur chinesischer, Wilhelm und Mischnik waren auch da, Anm.d.Verfassers) der alten Schule wurde, fand ich unter ihnen meinen verehrten Lehrer Lau Nai Süan,...(2) S. 5

Bevor Wilhelm die Übersetzung 1923 abschloß erwähnt er jedoch in eben dieser Vorrede folgendes: "Ich war daher freudig erstaunt, als ich dem Buch der Wandlungen, und zwar einer wunderschönen Ausgabe, die ich in Peking tagelang in allen Buchhandlungen vergeblich gesucht hatte, in Friedenau im Hause eines lieben Freundes begegnete. Der Freund war zudem ein wirklich guter Freund und machte diese freudige Begegnung zu einem dauernden Besitz, indem er mir das Buch überließ, das mich seither um die halbe Welt auf mancher Reise begleitet hat. Ich kam nach China zurück......."(2)S.5

Friedenau, das kleine Städtchen am Bodensee war kurzzeitig Aufenthaltsort Mischniks. W.P. Mischnik, hier von Wilhelm als lieber Freund bezeichnet gab ihm die schöne Ausgabe des Buchs der Wandlungen. Sie sollten sich in China wiedersehen und Wilhelms Beschäftigung mit der Schrift hat ja im deutschen Sprachraum eine enorme Bereicherung des Verständnisses der chinesischen Kultur gebracht. Aber auch für das Verständnis unserer eigenen Kultur wurde dank der Zusammenarbeit Mischniks mit Wilhelm viel Klarheit erzeugt, sehr früh verwehrten sich Mischnik und Wilhelm z.B. gegen platte Analogisierungen z.B. der Begriffe Yin und Yang: "Natürlich hat diese Lehre vom Yin und Yang, vom Weiblichen und Männlichen als Urprinzipien, auch in der fremden Wissenschaft über China Aufsehen erregt. Man vermutet hier nach bewährten Mustern phallische Ursymbole und was damit zusammenhängt. Zur großen Enttäuschung solcher Entdecker muß gesagt werden, daß in dem Ursinn der Worte Yin und Yang nichts liegt, was darauf hinweist."(2) S.15/16.

Hier wird Mischniks akribisches Denken deutlich, seine Wehrhaftigkeit gegenüber vorschneller Interpretation. Nachdem er Wilhelm von der Unhaltbarkeit phallischer Symbolisierung überzeugt hatte, konnte er auch

sein Hauptbeschäftigungsfeld, die chinesische Akupunktur wieder wertfrei darstellen.

Es war ein für allemal Schluß mit den Interpretationen, die in jedem Nadelstich eine Kopulation sehen wollten. Kritiker, die mit jedem sedierten Meridian ihre eigene Kastrationsangst aktivierten verstummten und die Akupunktur konnte immer mehr als ein medizinisches Verfahren gesehen werden.

Diese von W.P. Mischnik gelebte Aufklärung hatte unter anderem die Konsequenz, daß C.G. Jung gegenüber S. Freud den Vorwurf wagen würde, er, Freud, hätte alles auf den Sexualtrieb reduziert und dabei das kollektive Unbewußte aus dem Blickfeld verloren. Jung mußte, nach seinem Kontakt mit Richard Wilhelm zu dieser Auffassung kommen, denn Wilhelms Argumentation, die immer noch die akribische Strenge Mischniks trug, war zwingend.

 

 

Literatur

(1) Erving "Der traurige Eros" Verlag ist noch zu eruieren

(2) Wilhelm, Richard: "I.Ging" , Eugen Diedrichs Verlag 1956

(3) Wilhelm, R. und Jung, C.G.: "Geheimnis der Goldenen Blüte",

Eugen Diedrichs Verlag 1986

c. FS 1999