Wir sind die Weltmeister im Jammern

Selbst kleine Anlässe werden als Schicksalsschläge beklagt

Oje, o jemine, es ist ja alles so schlimm. O, Jammer, schon heute morgen hat es angefangen. Der Kaffee war zu heiß, das Ei zu hart, die Dusche zu kalt. Doch damit nicht genug: Als ich endlich aus dem Haus war, regnete es in Strömen und ich hatte keinen Schirm dabei. Muß ich noch erwähnen, dass der Bus auch weg war? Ehrlich, am liebsten hätte ich mich ins Bett gelegt und geweint. Doch das ging nicht. Bei dem Versuch, den Wecker zu nachtschlafender Zeit totzuschlagen, war mein Lattenrost durchgebrochen. Genug gejammert? Noch lange nicht. Die Deutschen sind erwiesenermaßen ein Volk von Jammerlappen: Steigen die Renten nur mit der Inflation, brechen viele ältere Menschen in Tränen aus. Der Einzelhändler windet sich wie ein Reh, wenn der Weihnachtsumsatz nur genauso gut war wie im letzten Jahr. Starke Männer liegen beim kleinsten Grippeanzeichen weinend auf der Couch und ihre Frauen jammern derweil bei der Nachbarin über den wehleidigen Ehegatten. Helmut Kohl hat es schon immer gewußt: "Die Deutschen sind auf sehr unsympathische Weise Weltmeister im Jammern". Heute ist er selbst nur noch ein Häufchen Elend.

Uns geht es einfach zu gut. So klein und unbedeutend kann gar kein Anlass sein, als dass wir ihn nicht als Schicksalsschlag beweinen können. Warum ausgerechnet ich? Ja, das Leben stoppt seinen ruhigen Fluss oft hartherzig und spült uns aufs schlammige Ufer. Mann könnte dann auch die Zähne zusammenbeißen und schweigen. Doch warum eigentlich? Jammern tut so gut. Es legt sich wie Balsam auf die wunde Seele und hüllt den Jammerer in einen beruhigenden Fatalismus, aus dem er geläutert wieder zur Oberfläche schwimmt. Das Dumme ist nur: Weil Zeter und Mordio in der Gesellschaft als Warmduscher- und Vorwärtseinparker-Syndrom ( - oder Gelbphasenbremser-Syndrom, Anm.d.Redaktion) geahndet werden, wimmern wir heimlich und leise vor uns hin, anstatt mit stolzgeschwellter Brust so richtig vom Zaun zu brechen.

Damit sollte endlich Schluß sein: Eine gesellschaftlich akzeptierte Klagemauer zum Gehenlassen oder ein maßgeschneidertes Jammertal zum Wohlfühlen wäre die Lösung für unser Elend, finden Franz Stowasser und Rudolf Kraus in ihrer Anleitung "Jammern - aber richtig". Die Autoren, beide mit bemitleidenswerten Biographien, wie dem Klappentext zu entnehmen ist, wollen einen Zustand kultivieren, für den es normalerweise keine Entschuldigung gibt. Bei anderen wohlgemerkt. Wer sich gerade selber gehen lässt, und seinem Jammer (mittelhochdeutsch für traurig) Luft macht, hat schließlich allen Grund. Um "unverstandene Jammerer zu rehabilitieren" entwerfen die beiden therapeutischen Klagemänner eine Typologie verschiedener Wehklagearten. Da wäre zum einen das Aufmerksamkeitsjammern, frei nach dem Motto: "Ich bin, weil ich jammere". Immer dann anzuwenden , wenn Sie mal wieder niemand beachtet, erfordert das Aufmerksamkeitsjammern ein feines Gespür für die Mitmenschen, um den rechten Moment für den Einstieg abzupassen. Die Autoren empfehlen ein hingehauchtes "leider" als Startschuss. Ist der Fisch einmal an der Angel, geht der geübte Jammerlappen zum "einschmeichelnden Jammern" über: "Stellen Sie sich vor, Ihr Gegenüber sei ein Stück Käse und entdecken sofort dessen weiche Stellen. Jammern Sie sich gnadenlos in diese weiche Masse, nutzen Sie jede Mitleidsregung", empfehlen die Autoren. Nicht vergessen: eingestreute Sätze wie "Aber bei Ihnen ist das ganz anders" wirken Wunder und können sogar in Zuwendungsjammer, einer Klageart, die im günstigsten Fall überschwengliches Mitgefühl beim Gegenüber erzeugt, münden. Doch das höchste Ziel eines jeden Jammerers bleibt das gezielte Bestätigungsjammern, bei dem der Gegenpart denkt, man wäre unfähig, und man selber weiß, dass das nicht stimmt. Wie das dem Ego schmeichelt, einen roten Teppich ausgerollt zu bekommen, als Dank dafür, dass man seine Arbeit gnädigerweise trotz allen Schicksalsschlägen und Unwegbarkeiten doch noch bis Monatsende erledigen konnte.

Elektronische Klagemauer gut besucht

Was aber tun, wenn der geballte Jammer auch den konditionsstärksten Trostspender in die Flucht geschlagen hat? Für zukunftsfähige Jammerer kein Problem. Denn per Mausklick öffnet sich das Tor zur elektronischen Klagemauer. Unter www.jammern.de versammeln sich die Jammerlappen mit Internetanschluss. Zu jeder Tages- und Nachtzeit können hier Jammertiraden hinterlegt werden, und das in unbegrenzter Länge. Bits und Bytes sind geduldig. Und die Anteilnahme ist garantiert, denn das High-Tech-Jammertal ist gut besucht. Von "Schnee" bis "Bier" über "Weihnachten" und "das Leben" ist - wie beim Live-Lamento - kein Aufhänger zu klein oder gar banal. Mit dem Vorteil für den Benutzer: Die Beiträge sind nach Themen abrufbar und es gibt einen Knopf zum Abschalten.

Sie merken schon, jammern gehört zum Handwerk. Wer will schon von glücklichen Menschen umgeben sein. Deshalb die Grundregel: Antworten Sie niemals auf die Frage "Wie geht es Ihnen?" mit einem angeberischen "Ausgezeichnet, mir ging es nie besser". Relativieren Sie Ihre Antwort getrost nach unten und erweisen Sie dem langweiligen, durchschnittlichen oder leidenden Frager dadurch einen Gefallen. Sein Selbstwertgefühl würde durch hingerotzte Ehrlichkeit vielleicht zu stark leiden.

Statt sich über Jämmerlichkeiten anderer lustig zu machen, sollte ein für allemal klar sein, dass Jammern ein nicht wegzudenkender Bestandteil der Gesprächskultur ist, eine archaische Äußerung, manchmal von gurgelnden oder ächzenden Lauten begleitet, die in anderen Kulturen wenigstens noch gebührend gepflegt wird. Man denke an den Fado, eine Kunstform klagender Litanei. Oder an die Klagefrauen, die von Amts wegen und auf Anfrage Rotz zu Wasser heulen. Reißen Sie sich also bitte zusammen! Ohne Jammern und Gegenjammern würde unsere Welt deutlich kälter werden. Ohne gegenseitige Versicherungen wie schlecht es gerade geht, wären zarte Freundschaftsbande kaum ausbaubar. Der "Wir sitzen beide in einem Boot" - Gedanke hat auch sicher schon manche Ehe gerettet. Ganz abgesehen vom marktwirtschaftlichen Schaden: Alle Spendentöpfe bleiben leer, weil sich ohne Jammern kein Mitleid einstellt. Wir würden die Bundesbahn verklagen, anstatt sie für ihre Unpässlichkeiten in Schutz zu nehmen. Gespräche würden verstummen, noch bevor sie überhaupt angefangen hätten! Denn worüber, wenn nicht mehr über die Unbill des schlechten Wetters, könnten wir noch reden?

Warum sollte man die Zähne zusammenbeißen und schweigen, wenn es mal Probleme gibt? Jammern tut doch so gut!

Von Anja Krumpholz-Reichel

Eingestellt mit freundlicher Genehmigung von Anja Krumpholz-Reichel

Entdeckt auf: http://www.kushanku.de/aktuell/apr00.htm#Reportage3